Mein Weg von der Kaufsucht zur erfolgreichen Anlegerin

    Hallo Zusammen, mein Name ist Jessi, ich bin 28 Jahre alt und ich habe ein Problem. Ich kaufe einfach zu viel. Einige oder vielleicht sogar viele von euch kennen das sicher, diesen einen Gedanken, der sich manchmal festsetzt und wie einem das letzte Puzzleteil zum Glück erscheint: dieses eine Stoffteil muss ich mir noch unbedingt kaufen, dann ist alles perfekt. Es ist auch wirklich nur noch dieses eine Kleidungsstück, das mir noch fehlt, was auf dem Insta-Foto einfach grandios aussah. Den Rest für das Outfit hab ich bereits, aber ich brauche unbedingt noch diesen einen Pulli, jene Shorts oder das eine Paar Pumps, damit es mindestens so stylisch aussieht, wie ich es im Netz gesehen hab.

    Der Klamottenkauf hat mich über den Tag gerettet

    Im Prinzip halte ich mich den ganzen Tag mit diesem einen Gedanken über Wasser, dass ich nach der Arbeit ja noch schnell dieses eine Teil shoppe, bevor ich dann danach wie geplant zum Sport gehe. Bei mir befindet sich das Fittnessstudio direkt in einem Shoppingcenter. Wow, wie praktisch für mich. Irgendwie brauche ich den Kauf, um auch mich überhaupt erst zum Sport motivieren zu können. Ganz hinten in meinem Kopf, hinter dieser alles überstrahlenden Vorstellung des perfekten Outfits, ist so ein winziges, kleines nagendes Gefühl, so ein dumpfes Pochen. Ach ja, Gewissen heißt das bei den Meisten. Ja, natürlich meldet sich das auch bei mir…

    “Dir ist schon klar, dass du dir das eigentlich nicht leisten kannst, weil du gestern erst, als du eigentlich zum Sport wolltest, schon zwei Pullis gekauft hast?!”

    Ach scheiße, geht schon irgendwie, ich hab doch gespartes Geld, dann nehme ich eben das. “Aber du weißt schon, dass Näherinnen ausgebeutet werden und die Umwelt verpestet wird, nur damit du wieder ein Teil mehr in deinen Kleiderschrank pfropfen kannst, das du nach zwei Tagen eh wieder vergessen hast?!”

    Ach Klappe, es ist doch auch nur noch dieser eine Pulli, der mir noch fehlt, nur noch dieser eine Pulli….

    Ich habe meine Einkäufe vor anderen verheimlicht  

    Genau das sag ich mir immer wieder, während der Stapel an Kleidungsstücken auf meinem Arm immer höher wird und ich berauscht in die Umkleide stürme. Ich probiere die ersten Teile an, wow sieht gut aus. Der Pulli sieht genauso aus, wie ich es mir vorgestellt hab, perfekt. Meine Augen leuchten, mein Gesicht strahlt, wie bei einer 14-jährigen, die gerade das erste Mal ihren Promi-Schwarm live vor sich sieht. Mein Problem ist nur, ich habe nicht nur einen Schwarm, es sind plötzlich fünf. Ich habe mich gerade in fünf Kleidungsstücke verliebt. Und ich bin mir ganz sicher, dass ich ohne diese nicht mehr weiterleben kann. Ich ziehe alles noch mal an und überlege, ob ich das wirklich alles kaufen soll und wie ich das Zeug am besten zu Hause vor meinem Mann verstecke. Eigentlich ist das meine größte Sorge, nicht, dass dabei so viel Geld flöten geht, sondern, ob mein Mann seine Drohung bald wahr macht und die Scheidung einreicht, wenn ich nicht bald aufhöre, den zwanzigsten Rock und die zehnte Tasche in der gleichen Farbe zu kaufen.

    Ich überlege also, wann mein Mann nicht zu Hause ist, was gar nicht so einfach ist, da er aufgrund seines Berufes, viel von zu Hause arbeitet. Da war doch diese eine längere Konferenz morgen, perfekt! Ich lagere die Sachen einfach im Auto und schmuggle sie dann später einfach heimlich in die Wohnung. Puhhh, so kanns klappen. Super, denke ich und schlendere gemütlich mit meinen neuen Schätzen zur Kasse. Zahlen bitte!

    Wieder einmal habe ich zu viel gekauft

    Zum Sport kann ich an diesem Tag leider nicht mehr gehen, denn das Kaufen dieses einen geplanten Pullis hat mich nun 2,5 Stunden gekostet und shopping ist ja auch cardio und bla bla bla, warum muss ich mich eigentlich rechtfertigen. Ich fahre mit meiner Beute nun nach Hause, glücklich und zufrieden. Hahhh, denkste, morgen ist ein neuer Tag, mit neuen Instagram-Posts, mit neuen Outfits, mit neuen stylischen Teilen, mit neuen Wünschen und mit neuen Ich-muss-haben-Gedanken.

    Und die Moral von der Geschicht: Ich hab ein Problem, ich verlier die Übersicht!

    Titelbild: Unsplash / Lauren Fleischmann / 2019