Mein erster beinahe Rückfall im dritten Monat

    Hach die Weihnachtstage stehen vor der Tür. Ich mag die Vorweihnachtszeit, die Musik, die Gerüche, den Lebkuchen und die Gemütlichkeit, die sich während dieser Zeit einstellt. So auch bei mir und meinem Mann. Wir haben, bevor wir den Roadtrip zu diversen Verwandten antreten, noch einige Tage für uns, die wir einfach entspannt zu Hause verbringen können. Wir haben Zeit. Das ist schön, endlich kann man die Dinge tun, die sonst im Alltag entweder einfach zu kurz kommen oder komplett liegen bleiben. Gitarre spielen, lesen, malen…diese Dinge eben.

    Ich bin sofort in mein altes Verhalten zurückgefallen

    Leider bin ich, wie auch anhand meiner Vergangenheit zu sehen, ein doch manchmal schwaches Wesen. Ich hab nun plötzlich so viel Zeit, dass mein Finger doch immer wieder öfter über der Instagram-App schwebt. Mit Schweben meine ich, ich tippe drauf und hänge für mehrere Stunden in der inszenierten, glitzernden Pastellwelt fest, in der Reisen und Besitz als das höchste Maß der Dinge angepriesen werden. Ich will Instagram hier nicht verteufeln, ich benutze es selbst immer noch ab und an, um mich einfach mal berieseln zu lassen, jedoch sollte man sich diese Tatsachen hin und wieder bewusst machen, dass das eben mehr Schein als Sein ist. Also scrolle ich so durch die fantastischen Leben, der Influencer, denen ich folge und im Prinzip bleibt mein Blick jedes Mal an den gleichen Dingen hängen: Pullover, Jacken, Röcke, Schuhe. Das ist alles was ich sehe. Selbst mein Mann, der sonst nur selten einkauft und das auch wirklich nur, wenn er etwas braucht, hat sich gerade einen neuen Pulli gekauft, mit süßem Norweger-Muster, der perfekt zur Jahreszeit passt. So einen will ich auch, denke ich mir neidisch und ein bisschen beleidigt. Gutmütig wie mein Mann ist, schlägt er mir vor, dass ich mir doch auch einen kaufen könnte. Ich war doch jetzt schon so eisern die letzten Wochen und da würde dieser eine Pullover doch nicht sonderlich ins Gewicht fallen. Gut, denke ich, hatter ja recht. Hmmmm…na dann schauen wir doch mal. Ich hab ja auch Zeit, also mein Interesse wandert zu den üblichen Verdächtigen. About you, Zalando und Asos zeigen sich wieder als die treuen Freunde, die sie immer waren, auch, wenn ich sie jetzt ein paar Wochen ignoriert habe.

    Unsplash / Fancycrave / 2019

    Ich klicke, ich scrolle, ich klicke, ich packe auf die Wunschliste, ich scrolle, ich klicke….eine Stunde…zwei Stunden…sechs Stunden…acht Stunden. Mittlerweile ist meine Wunschliste bei About You voll, das geht aber auch echt schnell bei denen. Narv! Na ja dann packe ich eben die Artikel direkt in den Warenkorb, geht ja auch. Dass ich nur nach einem einzigen Pullover schauen wollte, habe ich längst vergessen. Mittlerweile schwirren mir so viele, durch Instagram inspirierte, Outfits durch den Kopf, die ich unbedingt brauche. Die Strickteile zur Zeit sind auch einfach absolut habenswert. Ich brauche sie unbedingt. Also geht das Spiel direkt am nächsten Morgen weiter. Ich klicke, ich scrolle… Ich wechsel die Online-Versandhändler. Dazu schaue ich mir sogar mehrere Fashion-Hauls auf Youtube an, um auch genau zu sehen, wie die unterschiedlichen Stoffe, Farben, Schnitte sind.

    Ich habe es geschafft, kurz vorher die Notbremse zu ziehen

    Am Ende von Tag zwei, nachdem ich mich nun schätzungsweise 16 Stunden durch diverse Online-Shops gewühlt habe, bin ich ziemlich ausgelaugt und gleichzeitig aufgekratzt, aufgrund der vielen schönen Dinge, mit denen ich mir die letzten Tage die Augen verblitzt habe. Ich lasse noch eine Nacht verstreichen und freue mich über die viieeeelen vielen Schätzchen, die nun in meinem Warenkorb gelandet sind und teilweise auch noch runtergesetzt waren, was ich da sparen würde! Kleine Anmerkung des klaren Verstandes, wenn du Geld ausgibst, auch, wenn das was du dir kaufst noch so reduziert ist, hast du niemals gespart. Wenn du das was du kaufst nicht zwingend benötigst, ist das Geld weg und nicht gespart. Am nächsten Morgen lasse ich mir die ganze Sache nochmal durch den Kopf gehen. Und hier passiert das Unglaubliche, das womit ich niemals gerechnet hätte. Plötzlich habe ich keine Lust mehr auf das ganze Zeug, nicht mal mehr auf den Pulli, weswegen ich diesen Marathon erst gestartet habe. Ich will diesen Kram nicht. Mein Kleiderschrank, unsere Wohnung ist voll mit Kram. Ich fasse den Entschluss, dass ich das alles nicht brauche. Nicht noch mehr, nicht jetzt. Außerdem kommt die Angst, dass selbst, wenn ich jetzt nur diesen einen Pullover kaufen würde, ich den Fluch entfesseln, die Büchse der Pandora öffnen und hoffnungslos wieder in mein altes Verhalten zurückfallen. Und das wollte ich auf keinen Fall. Also tief durchatmen, alle Tabs und Apps schließen und sich ablenken. Ein Glück sind wir dann auch schon auf dem Weg zu unseren Verwandten und mein zuvor überwältigendes Verlangen nach Klamotten lässt vorerst langsam nach.

    Titelbild: Unsplash / Heidi Sandstrom. / 2019